Starte nicht mit Kapitel 1

Warum dein Buch nicht mit Kapitel 1 anfängt

Erst die Vision, dann das Inhaltsverzeichnis

Die meisten Menschen, die zu mir kommen, wollen sofort loslegen. Sie haben die Idee, sie haben einen starken Wunsch, und sie haben oft schon seit Jahren das Gefühl, dass da ein Buch in ihnen steckt. Und dann: Dann setzen sie sich hin und fragen sich: Womit fange ich an? Mit Kapitel eins? Mit dem, was mir am leichtesten von der Hand geht? Mit der Szene, die mir am lebendigsten vor Augen steht? Mit dem Teil, den ich gerade im Kopf habe. Sie stürzen sich auf die Inhalte – und genau dort bleiben sie stecken.

Ich sage es dir klipp und klar, so direkt, wie ich es auch meinen Autorinnen und Autoren sage: Wenn du „einfach mal anfängst“, fängst du an der falschen Stelle an. Nicht, weil deine Ideen nicht gut wären, sondern weil sie dein Projekt zerfleddern und du dich bald fragst: Was mache ich jetzt mit diesen ganzen Schnipseln?

Du sammelst und sammelst, jeder Einfall fühlt sich wichtig an, und nach ein paar Wochen sitzt du vor einem Berg aus Notizen, Zetteln und halben Kapiteln und weißt nicht mehr, wo oben und unten ist. Das ist kein Zeichen von fehlendem Talent. Das ist ein Zeichen von fehlender Reihenfolge und fehlender Planung.

Deshalb stelle ich am Anfang eine Frage, mit der die wenigsten rechnen. Eine Frage, die gar nicht nach dem Buch fragt, sondern nach dir: 

Die allerwichtigste Frage: Welche Veränderung soll dein Buch dir bringen? 

Ich frage (noch) nicht, was drinstehen soll. Sondern was anders sein soll in deinem Leben, wenn das Buch fertig und in der Welt ist. Manche werden an dieser Stelle erst einmal still. Denn die Antwort ist selten „ein gedrucktes Buch im Regal“. Sie ist viel persönlicher. Es geht um Sichtbarkeit, um einen neuen beruflichen Weg, um Anerkennung, um eine Geschichte, die endlich erzählt werden will. Manchmal geht es darum, sich selbst zu beweisen, dass man etwas zu Ende bringen kann. Manchmal darum, anderen Menschen etwas mitzugeben, das einem selbst gefehlt hat.

Diese Antwort ist deine Vision. Und sie ist kein esoterisches Beiwerk, das man abhakt und dann vergisst. Sie ist dein Kompass. Denn sobald du weißt, was dein Buch in deinem Leben bewirken soll, kannst du jede inhaltliche Entscheidung daran ausrichten. Gehört dieses Kapitel hinein? Dient diese Geschichte meinem Ziel, oder ist sie nur ein hübscher Umweg? Ohne Vision triffst du diese Entscheidungen aus dem Bauch und wechselst ständig die Richtung. Mit einer Vision hast du einen festen Punkt, von dem aus du schreibst.

Gestalte dir ein Visionboard

Ich bitte meine Autorinnen und Autoren deshalb, sich ein Visionboard zu machen. Das klingt für manche zuerst nach Bastelstunde (diese Skepsis ist mir vertraut, aber ich weiß, wie wichtig dieser Schritt am Anfang ist). Nimm dir ein Blatt, such ein paar Bilder, ein paar Stichworte, und halte fest, wie dein Leben aussieht, wenn das Buch da ist. Wer hält es in der Hand? Was sagst du, wenn jemand dich darauf anspricht? Wie fühlt es sich an? Häng dir dieses Board an einen Ort, an dem du es täglich siehst. Denn es wird Tage geben, an denen du keine Lust hast, an denen das Schreiben mühsam ist und du am liebsten alles hinwerfen würdest. An genau diesen Tagen ist dein Visionboard der Grund, warum du dich trotzdem hinsetzt.Und erst wenn diese Vision steht, kommt die Struktur. 

Jetzt die Struktur

Hier mache ich es bewusst eng, und das überrascht viele: Bring dein ganzes Buch auf zehn Punkte. What? Zehn??? Ja,nicht zwanzig, nicht fünfzig. Zehn nummerierte Zeilen, von denen jede für einen Gedanken steht, der in dein Buch gehört. Diese Begrenzung empfinden manche zuerst als Zumutung – so viel will ich doch erzählen, wie soll das in zehn Punkte passen? Aber genau darin liegt das Werkzeug. Eine offene Sammlung wächst endlos, weil sich jeder neue Einfall seinen Platz erkämpft. Ein festes Raster aus zehn Positionen zwingt dich, zu gewichten. Du musst entscheiden, was wirklich tragend ist und was nur Beiwerk. Was es nicht unter die ersten zehn schafft, ist entweder ein Unterpunkt, der sich einem der zehn unterordnet, oder es gehört schlicht nicht in dieses Buch – vielleicht ins nächste.

Vom "irgendwann mal" zum "ich schreibe gerade an meinem Buch"

In diesem Sortieren, in diesem Ringen um die zehn Punkte, entsteht zum ersten Mal eine echte Struktur. Was du am Ende vor dir hast, ist dein erstes Inhaltsverzeichnis. Es ist roh, es ist unfertig, und du darfst es jederzeit wieder umbauen. Aber es existiert. Und das ist der ganze Unterschied zwischen einem Menschen, der sagt „ich will irgendwann mal ein Buch schreiben“, und einem Menschen, der sagt „ich schreibe gerade an meinem Buch“. Der eine wartet auf den richtigen Moment. Der andere hat angefangen. Nimm dir an diesem Wochenende eine Stunde, nur für dich und dein Buch. Zuerst das Visionboard, dann die zehn Punkte. Mehr braucht es für den Anfang nicht.

Aber was das Schönste ist: Du fängst endlich RICHTIG an! 

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